Wissens-Transfer mit Storytelling

Wissens-Transfer mit Storytelling

Franz graust schon davor, wenn seine Sekretärin Sabine nächstes Jahr in Pension gehen wird. Isabella stresst es, dass ihr Mitarbeiter Mark in zwei Monaten die Abteilung wechseln wird. Und Ralf hat keine Ahnung, wie er sein ganzes Wissen an Nachfolger Bernhard übergeben soll, wenn er in den Vorstand wechselt. »Was bleibt, wenn Wissen geht?« ist eine zentrale Frage für Wissens-Berater Manfred della Schiava. Seit Jahrzehnten leitet er Prozesse, in denen mit Dialogen und Einzelgesprächen Wissen von scheidenden Mitarbeitern im Unternehmen bewahrt wird.

Geschichten bewegen

»Die Erfahrungen von Mitarbeitern und deren Wissen über Abläufe und Zusammenhänge bilden einen Großteil des Wertes eines Unternehmens«, bestätigt Dieter Georg Herbst in seinem Buch »Storytelling« die Sorgen von Franz, Isabella und Ralf. Unternehmen haben Storytelling zur Kunden- und Mitarbeiterbindung, doch auch zum Wissens-Transfer für sich entdeckt. Laut Hans-Georg Häusel, Diplom-Psychologe, treffen wir 70-80 % unserer Entscheidungen unterbewusst. Das spart dem Gehirn Energie, es reagiert schneller und greift auf erfolgreiche bekannte Lösungen zurück. Die gute Nachricht ist, dass auch Geschichten unterbewusst wirken. Was das heißt für Unternehmen? Wenn Sekretärin Sabine ihre Nachfolgerin einlernt, sollte Franz als ihr Chef auf den persönlichen Austausch seiner Mitarbeiterinnen achten. Er sollte sie zu gemeinsamen Kaffeepause animieren. Je öter und mehr Geschichten Sabine ihrer Nachfolgerin über die Arbeit erzählt, umso besser. Denn je öfter und häufiger sie erzählt, umso besser bleiben die Geschichten (Lösungswege) hängen.

Die Jungen sind so was von… aber die Alten sind auch nicht besser!

Wissens-Manager Manfred della Schiava blickt auf 16 Jahre Erfahrung im Knowledge-Exchange zurück. Aus der Perspektive der Führungspersönlichkeit, des Wissen-Managers, Yogaschülers und -meisters. Kürzlich hat im Gespräch ein Fachkollege die »Jungen« beschrieben: »…denn heute sind sie faul, genusssüchtig, unangepasst und vor allem wissen sie nichts.« Manfred della Schiava ergänzte daraufhin das Bild der »Alten«: »Sie sind gesättigt, essen zu viel und zu ungesund, bewegen sich zu wenig. Sie sind daher nicht mehr veränderungsfähig, die Herausforderungen »Zukunft der Arbeit« und »Industrie 4.0« zu bewältigen. Provokativer ausgedrückt: Die Alten saufen zu viel Alkohol, fressen zu viel und sind denkfaul geworden.« Nachdem er seinem Gegenüber eine kurze Verdauungspause gönnte, setzte er nach: »Das sind beides »überzogene« Bilder, die nicht helfen. Doch leider sind sie in der betrieblichen Praxis allzu gegenwärtig. Die Lösung liegt im gemeinsamen Miteinander. Die Jungen brauchen die »Erfahrung« der Älteren, die Älteren benötigen das »Wissen« der Jungen. Nur so sind die zukünftigen Herausforderungen zu bewältigen.« Geschichten können das Verständnis für den anderen fördern. Sie beschleunigen die Toleranz für Änderungsprozesse. Sie helfen Mitarbeitern, sich wichtige Arbeitsprozesse, Regeln und riesige Datenmengen zu merken. Auch Sabines Nachfolgerin, Marks Kollegen und Nachfolger Bernhard. Sie können sich schneller einarbeiten. Die drohenden Wissens-Lücken werden durch überlieferte Erfahrung bereits vor deren Aufklaffen geschlossen.

In der Bewegung liegt die Kraft

Manfred della Schiava ist über seine leidenschaftliche Arbeit als Wissens-Manager hinaus auch langjähriger Yoga-Praktiker und Business-Yoga-Lehrer. Er nutzt die Weisheit des Yoga-Gurus Iyengar: »Ohne die Freiheit des Körpers gibt es keine Freiheit des Geistes. Die Evolution der Gedanken geht über die Evolution der Gefühle. Wir brauchen im derzeitigen Wandel eine »Revolution« vom Denken zum Fühlen. Ohne die Beweglichkeit des Körpers gibt es keine Beweglichkeit des Geistes. Daher wird eine Veränderung der derzeit teilweise „verharrenden“ Geisteszustände nur über Körperarbeit gelingen.« Mit der Unterstützung von Geschichten. Denn dabei werden – neurologisch nachgewiesen – die gleichen Gehirnareale aktiviert, die beim ausführenden Helden aktiv sind. Geschichten bewegen. Sie lösen Gefühle aus. Und Gefühle wirken wie ein Lernturbo, bestätigt Hirnforscher Manfred Spitzer.

Mit Händen lernen

»Grundsätzlich hat das System der dualen Ausbildung gerade diese Verbindung von Geist und Körper in sich vereinigt«, erklärt Manfred della Schiava. »Das Jahrtausende alte »Format« Wissens-Transfer von Meister zum Schüler ist aktueller denn je. Aus dieser Beziehung können andere Wissens-Transfer-Konzepte abgeleitet und aufgebaut werden. Auch in der digitalen Welt, in der es möglich ist, Information und explizites Wissen über soziale Medien auszutauschen. Doch die persönliche Beziehung ist und bleibt ein Schlüssel. Im Dialog mit anderen Menschen, also auch im Team und in Lerngruppen. Besonders wird es darum gehen, Spaß und Lebensfreude miteinander zu verbinden. Arbeit darf und soll Spaß machen. Gamification und spielerisches Lernen müssen breiter in das Lernen und in die Arbeit integriert werden. In der kürzlich eröffneten Ausstellung »Ey Alter« von Mercedes Benz in Bremen wurde gemeinsam mit der Universität Bremen und dem Museum Bremen (Universum Bremen) auf die Bedeutung des generationenübergreifenden Wissen-Austauschs eingegangen.«

Auch hier hilft Storytelling, um Wissen der Mitarbeiter im Unternehmen zu bewahren. »Geschichten und die damit verbundenen Vorstellungen, Gefühle und Erinnerungen an Begebenheiten hören nicht auf zu existieren, wenn sie aus unserem Bewusstsein entschwinden.« (Dieter Georg Herbst, Storytelling). Von ihm stammt auch das Beispiel über »My BASF story«, das leider nicht mehr im Netz zu finden ist. Zum 140-jährigen Jubiläum hat der Chemiekonzern seine Mitarbeiter und pensionierten Mitarbeiter gebeten, ihre persönlichen Geschichten über BASF einzureichen. Die Resonanz der Mitarbeiter war so stark, dass daraus ein Handbuch für Schulungen entstanden ist, das sich wie ein Geschichtensammelband liest, jedoch wertvolles Wissen über das Unternehmen weitergibt.

Je mehr Geschichten wir erzählen, umso mehr Wissen bleibt für alle. Also los, lasst uns Geschichten schreiben, wozu Poetryslammerin Julia Engelmann beim 5. Bielefelder Hörsaal-Slam aufrief.

Vielleicht haben Sie eine Geschichte zu erzählen, durch die Sie besonders wertvolles Wissen gewonnen haben? Dann teilen Sie die Geschichte doch auf meiner Seite.

Vielen Dank an Gastautor und Experte Manfred della Schiava.

Alles Liebe sendetStor

Nina Karner

Schreibe einen Kommentar