Jetzt weiß ich, warum

Selbstständigkeit ist wie Skitouren gehen

Endlich habe ich es gemacht, meine Selbstständigkeit ausgenützt. Das Frühstücksgeschirr mit Missachtung gestraft, die Tourenski aus dem Keller geholt. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Eine Freiheit, die ich mir zu selten gönne. Vor drei Jahren habe ich mich als Journalistin und Texterin selbstständig gemacht. Mein Motiv: Mehr Zeit für meine Tochter, die bei mir alleine aufwächst. Doch es war ein langer Prozess, bis mir die neue Rolle passte. Trotz erblicher Vorbelastung.

Als Kind von Unternehmern habe ich früh verstanden, dass sich Selbstständigkeit nicht in das Korsett fixer Arbeitszeiten zwängen lässt. Dass es bedeutet, Verantwortung für das eigene Tun zu tragen. Mit diesem Wissen habe ich mich bei Arbeitsstellen in jeder Beziehung eingebracht. Ob als Disponentin in Italien, die im Alter von 19 Jahren nach zwei Wochen Einlernzeit die Logistik eines Unternehmens für Italien, Deutschland und Frankreich gemeistert hat. Oder als Vollzeitstudentin, die nebenbei Vollzeit in einem Gastronomiebetrieb vier Mitarbeiter geführt hat. Oder als Organisatorin einer Motorsportveranstaltung in Kroatien. Doch wie beim Skitourengehen bin ich mit den Herausforderungen gewachsen. Ich habe meine »Höhenangst« überwunden, steilere Abfahrten zu lieben gelernt.

Ich kann arbeiten, aber mich nicht teilen

Zweieinhalb Jahre nach der Geburt meiner wundervollen Tochter habe ich halbtags die Presse für ein europaweit tätiges Unternehmen versorgt. Dann in einer Werbeagentur Kunden betreut. Was bedeutete, auch mal in einer regnerischen Nacht für ein Trachtenfest gemeinsam mit dem Auftraggeber ein 200-Mann Zelt aufzubauen; am nächsten Tag kurzfristig die Moderation zu übernehmen; das Musikprogramm so umzugestalten, dass den Besuchern der plötzliche Ausfall einer Musikgruppe nicht auffällt. Ja, ich denke ich kann arbeiten. Selbstständig, eigenverantwortlich, so viel wie nötig. Doch eigentlich wollte mehr Zeit mit meiner Tochter genießen. Außerdem sind neben acht Wochen Sommerferien im Abstand von sechs Wochen jeweils ein paar Tage Ferienzeit zu überbrücken. Ja, ich hätte meine Tochter bei Großeltern, in Kinderbetreuungsstätten oder sonst wo unterbringen können. Aber da ich alles mit vollem Einsatz mache, wollte ich das vermeiden. Und natürlich ab und zu laufen, spazieren und Skitouren gehen.

Beschäftigungstherapie

Doch die Selbstständigkeit hat mich eiskalt erwischt. Anfangs habe ich diese, als Freiheit getarnte, Leere genutzt. Dreißig Gipfel habe ich mit den Skiern bestiegen. Darunter den Großglockner, Großvenendiger und die Ötztaler Wildspitze. Ich habe mich auf meine  finanziellen Reserven aus meiner Zeit als Angestellte verlassen. Doch obwohl ich unseren Lebensstandard nach unten korrigiert habe, wurde das Ersparte weniger. Die Aufträge aber nicht mehr – gute Arbeit alleine reicht nicht. Also habe ich mich an meinen Schreibtisch gefesselt. Mit unnützen Dingen meine Zeit vergeudet, um mir selbst ein hohes Arbeitspensum vorzumachen. Ein Prozess, der notwendig war, denke ich heute. Ich musste lernen, mich zu verkaufen, Termindruck auszuhalten, die finanzielle Unsicherheit zu ertragen. Aber auch, freie Zeit zu erkennen und für mich zu nutzen.

Planen und flexibel bleiben

Wie zur Bestätigung ist mir heute, als ich bei Sonnenschein und blauem Himmel meinen Spur durch den Pulverschnee zog, ein Vergleich eingefallen. Wie das Skitourengehen ist auch die Selbstständigkeit manchmal anstrengend, manchmal riskant. Ich muss meinen Weg gut planen, aber trotzdem flexibel auf äußere Umstände reagieren. Aber wenn ich am Gipfel stehe, habe ich es aus eigener Kraft geschafft. Dann kommt das Schönste: Ich kann meine eigene Spur ziehen. Und das, finde ich, entschädigt für vieles, was die Selbstständigkeit nicht ist: Sicher, planbar, risikolos. Aber, wie beim Skitouren gehen, wächst mit der Erfahrung der Blick für neue Möglichkeiten.

Ganz nebenbei habe ich am Weg zum Gipfel drei Texte im Kopf geschrieben. Ganz ungeplant. Einfach nur, weil ich bei mir war.

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