Gehirnfutter Storytelling?

Gehirnfutter Storytelling?

Story- bzw. Leadertelling kleben an mir. Egal, zu welchem Thema ich etwas lese, überall finde ich Bestätigungen für ihre Wirkung. Kein Wunder. Denn wir erzählen Geschichten, seit wir sprechen können. Das sind immerhin bis zu 90.000 Jahre. Doch erst seit 5.000 Jahren können Privilegierte wie wir lesen und schreiben. Also haben unsere Vorfahren die Technik des Geschichtenerzählens erfunden. So konnten sie – damals teilweise überlebenswichtige – Informationen besser erinnern oder weitergeben geben. Neurobiologen haben die höhere Gehirnaktivität und leichtere Erinnerung von Geschichten im Vergleich zu Fakten mittlerweile bestätigt. Doch sie haben noch weitere Vorteile von Storytelling erkannt:

  • Geschichten beeinflussen die chemischen Reaktionen unseres Gehirns und regen Handlungen an. Eine gute Geschichte erhöht die Ausschüttung dreier Nervenbotenstoffe. Oxytocin (Bindung, Fürsorge), Cortisol (Flucht oder Kampfvorbereitung) und Dopamin (Euphorie und Identifikation) steigen an. Zusammen aktivieren sie unsere Handlungsbereitschaft und Empathie.
  • In einem weiteren Versuch wurde bewiesen: Menschen, die den Zweck ihres Tuns – den Kern jeder Geschichte – kennen, arbeiten doppelt so effizient wie Menschen ohne dieses Wissen.
  • Wenn wir von Erzählungen anderer hören, bewertet sie unser Gehirn ähnlich wie selbst erlebte Erfahrungen. Das heißt wir müssen nicht alles erleben, um von einem reichen Erfahrungsschatz zu profitieren. Durch Storytelling können wir neue Verhaltensweisen anlegen oder störende Muster ersetzen.

Dieses Wissen um Storytelling können wir nutzen. Zum Beispiel mit folgenden Methoden:

1. Virtual Reality

Der Sozialpsychologe Hal Hershfield von der New York University erkannte einen Nutzen von Virtual-Reality-Welten für die Altersvorsorge. Die Hälfte seiner Probanden unterhielten sich mit der digitalen Repräsentation ihrer selbst – ihrem Avatar. Die zweite Hälfte der Versuchspersonen unterhielt sich ebenfalls mit ihrem Avatar, der sie allerdings im Alter von 70 Jahren zeigte. Danach sollten beide Gruppen eine geschenkte Summe Geld beliebig verteilen. Die Teilnehmer, die sich selbst im Alter von 70 Jahren gesehen hatten, investierten doppelt so viel Geld in ihre Altersvorsorge, beschreibt Daniel H. Pink in seinem Buch »Mehr Wert. Die Kunst, gefragt zu sein.« Alleine das Bild von sich selbst mit 70 Jahren hat die Probanden animiert, an die Zukunft zu denken. Eine Innovationsberaterin erzählte sogar von einer Langzeitstudie, die ergab, dass diese Personen langfristig ihre Altersvorsorge erhöhten. Unser Gehirn lässt sich also von künstlich erzeugten Bildern beeinflussen. Wir könnten uns damit zum Beispiel besser auf Katastropheneinsätze vorbereiten. Wir könnten uns jederzeit eine kurze virtuelle Auszeit gönnen oder am Sofa gefährliche Abenteuer erleben, die unser Gehirn als gelebte Erfahrung abspeichert. Virtual Reality hat dieselbe Wirkung wie Geschichten, die Bilder in unseren Köpfen erzeugen.

2. Märchen

Wem die fiktive Erlebniswelt zu weit weg ist, der kann bei klassischen Geschichten in Büchern oder Filmen bleiben. Denn die wirken genau so. Es braucht dazu lediglich einen Helden oder Helfer, dessen Entwicklung uns beeindruckt. Das erkannte auch Gehirnforscher Gerald Hüther in seinem Buch »Was wir sind und was wir sein könnten«:

»Märchen sind das Zaubermittel, das jedes Kind still sitzen und aufmerksam zuhören lässt, das gleichzeitig seine Phantasie beflügelt und seinen Sprachschatz erweitert, das es darüber hinaus auch noch befähigt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gefühle zu teilen, das gleichzeitig auch noch sein Vertrauen stärkt und es mit Mut und Zuversicht in die Zukunft schauen lässt.«

Mein Gletscherfloh Gletschi Montanini vom Bettmerhorn in der Aletsch-Arena, Schweiz ist so eine Figur, mit der Kinder mitfiebern: Gletschi ist der kleinste und schwächste Gletscherfloh der Familie Montanini und neben seiner Tante Maren der Einzige mit eisblauem, kuscheligem Fell. Seine Eltern und Geschwister behüten ihren kleinen »Sonderling«, mahnen ihn zur Vorsicht und untergraben damit seine Fähigkeiten. Eines Tages lockt die Neugierde Gletschi in die Welt der Menschen. Er entdeckt, dass er Ziele erreichen kann. Gletschi wird mutiger und wagt sich immer weiter von Zuhause fort, doch irgendwann quält ihn das Heimweh. Schließlich hilft ihm seine Tante Maren, mit dem Vertrauen in sich selbst in der Menschenwelt und der Welt der Gletscherflöhe leben zu können.

Storytelling kann uns also aktivieren, hilft uns Dinge zu merken und verändert unsere Gehirnstrukturen. Sogar wenn wir wissen, dass es sich um fiktive Erzählungen oder Bilder handelt. Deshalb gönne ich mir jetzt noch ein paar Minuten Entspannung am virtuellen Strand von Hawaii.

Aloha und alles Liebe,

Nina Karner

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Danke für die Nutzung des Fotos an ©Aletsch Arena AG

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