Geschichten helfen manchmal, Situationen unter anderen Blickwinkeln zu betrachten

Zeit, die Axt zu schärfen

Dieses Jahr wollte ich mir und meiner Familie drei Wochen Urlaub-Abstand-Erholung gönnen. Doch nach kurzer Zeit hatte mich das schlechte Gewissen über meine »Faulheit« streng am Zügel. Ich gebe zu, es war auch etwas Sehnsucht dabei. In der anderen Seite der Waagschale wog das Wissen schwer, dass ich Ruhe versprochen hatte und diese nach einem sehr intensiven Jahr auch brauchte. Und in diesem inneren Konflikt bin ich über eine Geschichte gestolpert, die mein Dilemma löste:

Der beharrliche Holzfäller

Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen. Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies. Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter, „ weiter so!“ Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett. Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Trotz aller Anstrengung gelang es ihm nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. Ich muss müde sein, dachte er und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen. Im Morgengrauen erwachte er mit dem festen Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu übertreffen. Er schaffte noch nicht einmal die Hälfte. Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume und am übernächsten fünf. Seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen. In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war und schwor Stein und ein Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen. Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“ „Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“*

Während sich diese Bloggeschichte fast von selbst schreibt, sitze ich in der Nähe des Chiemsees und beobachte eine Libelle, die entschlossen und stur seit einer Viertelstunde einen Ausgang durch ein Fenster sucht. 10 cm weiter unter wäre die Türe, durch die sie davon fliegen könnte. Doch in ihrer Wahrnehmung muss es beim Fenster auch rausgehen. Und auch zu diesem Thema habe ich eine nette Geschichte gelesen, die ich bei meinem kommenden Jungunternehmer-Seminar einbauen werde…

Und plötzlich entpuppt sich die Zeit der Axtschärfung – die ich mit Lesen, Zuhören, Beobachten und Entspannen verbracht habe – als äußerst wertvoll… und nebenbei erinnert es mich daran, wie stark Geschichten wirken können…

*Aus Jorge Bucay, Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

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