Eine Fehlerkultur hilft, doch ohne Übung bringt sie nichts

Fehler zu akzeptieren, reicht nicht – reflektiertes Training hilft

Während ich meine Bloggeschichte »Irren erlaubt« geschrieben habe, wurde mir klar, dass ich sehr viel »Stoff« angesammelt hatte. Zwei Aspekte zur Fehlerkultur möchte ich heute noch ins Rennen schicken, bevor ich mich einem interessanten Lösungsansatz widme. Geoff Colvin hat in seinem Buch »Talent is overrated. What really separates world-class performers from everybody else« den Weg erfolgreicher Menschen analysiert und systematisiert. Das Befreiende daran: Es gibt kein Talent. Es gibt kein Talent. Wir alle haben die gleichen Chancen. In jedem Bereich. Wir müssen uns nur dafür entscheiden. Und dran bleiben. Denn: Es gibt kein Talent.

Zurück zu Trial und Error

Personalabteilungen werden mittlerweile dazu ermutigt, Kämpfer und vermeintliche Lebenskünstler bei Bewerbungen zumindest in Betracht zu ziehen. Nicht nur die Einserschüler und Senkrechtstarter. Denn wenn Lebensläufe nicht schnurstracks nach oben führen, kann das trotzdem bedeutet, dass die Bewerber Charaktereigenschaften wie Leidenschaft, Einsatz und Fleiß mitbringen – sagt die Personalmanagerin Regina Hartley.  Sie ermuntert, Kämpfern und Andersdenkern eine Chance zu geben.

Mit der Bezeichnung »Andersdenker« bin ich schon beim (fast) gleichnamigen Blog des Innovationstrainers Hannes Treichl gelandet. In einem unglaublich spannenden Interview bestätigte er mir die Fehlerkultur als Knackpunkt in der Realisierung von Visionen und Zielen:

»Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten wie heute. Doch uns fehlen der Mut und die »Erlaubnis«, Scheitern zu dürfen. Denken wir zumindest. Denn die einzigen, die wir überhaupt um diese Erlaubnis fragen müssen, sind wir selbst. Niemand sonst.«

Inspiriert von diesem Ansatz habe ich endlich das Buch: »Talent is overrated« vom Staub der Zeit befreit. Darin werden Talent, besondere Gaben oder höhere Intelligenz nicht als Erfolgskriterien anerkannt. Warum Musiker wie Mozart oder David Garrett, Sportler wie Tiger Woods und Manager wie Warren Buffet oder Jack Welch tatsächlich erfolgreich waren/sind, habe nichts mit Talent zu tun. Autor Geoff Colvin hat ihre Lebensläufe auseinandergenommen: Herausragende Persönlichkeiten in allen Disziplinen haben drei Dinge gemein: 1. Ehrgeiz, 2. jahrelange Übung – im Durchschnitt brauchen Menschen in allen Disziplinen zehn Jahre, bis sie an der Spitze sind – und 3. ein reflektierendes Trainingsprogramm – deliberate practice. Übrigens habe ich kürzlich zur Bestätigung von Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“ gelesen: „…dass die Molekularbiologen trotz großer Anstrengungen und enormer finanzieller Unterstützung bisher nicht in der Lage waren, auch nur eine einzige genetische Konstellation aufzuspüren, die dafür verantwortlich gemacht werden könnte, dass ein Kind eine außergewöhnliche Begabung herausbildet.“ Genetische Anlagen seihen prinzipiell bei Geburt im Überfluss vorhanden, doch mit jedem Tag würden diejenigen Nevenzellvernetzungen stabiler, die durch Begeisterung all jene Eiweiße vermehrt herstellen, die für das Ausbilden neuer Fortsätze und die Neubildung und Stabilisierung von Nervenzellkontakten benötigt werden. Und echte Begeisterung entstehe, wenn etwas für ein Kind wichtig sei, wenn es an etwas interessiert sei und Bedeutung für das Kind habe. Wie zum Beispiel ein bestimmtes Instrument, eine bestimmte Sportart (oder auch nur die Verknüpfung, im Team etwas zu erreichen, mit einem Tier etwas zu trainieren…) oder ein bestimmtes naturwissenschaftliches Feld. Doch zurück zur Methode, in den Feldern des Interesses erfolgreich zu werden:

Reflektiertes Training

Weil ich den Erfolg dieses Trainingskonzeptes gerade selbst miterleben durfte, möchte ich es an der Arbeit von Pferdetrainer Alex Madl von der Matthiasl-Ranch erklären. Ich weiß, nicht jeder steht auf Pferde. Doch dasselbe gilt für klassische Musik, Tennis, Golf oder Synchronschwimmen.

1. Spezielle Übungen, um die individuelle Leistung zu verbessern

Jedes Pferd kommt auf dieser Ranch im bayerischen Wald mit einer ganz persönlichen Herausforderung an. In unserem Fall war es kein Problempferd, sondern eine 13-jährige Stute, die gerne arbeitet, aber im Hals sehr steif ist. Nach der 20-minütigen »Vorführung« wurden drei Punkte offensichtlich, woran man bei diesem Pferd am wirkungsvollsten den gezielten Muskelaufbau ansetzen konnte, um die Steifheit zu lösen. Jeder Sportler, Musiker oder Geschäftsmensch hat seine Punkte, in denen er sich verbessern bzw. Konkurrenten übertreffen kann. Diese Punkte müssten individuell eruiert und anschließend aufgebaut werden.

2. Oftmalige Wiederholung der Übungssequenz

Als die entsprechenden drei Übungen ausgewählt waren, mussten sie oft wiederholt werden. In mehreren Sequenzen, zwei bis drei Mal am Tag, am besten über mehrere Wochen hinweg. Herausragende Violinisten trainieren im Schritt über zehn Jahre vier bis fünf Stunden täglich, bevor sie den Durchbruch schaffen. Auch Wunderkind Mozart hatte diesen Trainingsmarathon hinter sich, als er sein erstes »Meisterstück«  im Alter von 21 Jahren komponiert habe. Davor sei er, wie jeder Komponist, mit dem Umarrangieren bekannter Musikstücke beschäftigt gewesen. Heißt: Mit 21 Jahren hatte er schon 18 Jahre Übung intus.

Reflektives Üben kann uns bis ins hohe Alter in unserem gewählten Feld an der Spitze halten3. Sofortiges Feedback führt zur Verbesserung

Nur anhand der sofortigen Rückmeldung des Trainers können Trainierenden sich ihrer Verbesserungen bewusst werden. Fehlt diese unmittelbare Resonanz, kann das zu folgenden Effekten führen: Entweder man wird nicht mehr besser oder man achtet irgendwann nicht mehr auf die Fehler. In dem Fall des Pferdes wurde es für jede Veränderung im Bewegungsmuster hin zum richtigen Ablauf belohnt, in dem sofort der Druck herausgenommen wurde.

4. Es ist ein mental stark forderndes Training

Ständig nach Bewegungsabläufen zu suchen, die nicht funktionieren und diese zu üben, ist mental äußerst anspruchsvoll. Es verlangte von Pferdeführer und Pferd gleichermaßen eine hohe Konzentration und starken Fokus. Dabei spielte es auch eine wichtige Rolle, das soeben Gelernte »verdauen« zu können. Geoff Colvin hat herausgefunden, dass wahre Meister ihres Fachs vier bis fünf Stunden pro Tag in 60- bis 90-minütigen Intervallen trainieren – länger sei so anspruchsvolles Training nicht am Stück durchzuziehen.

5. Dieses Training ist kein Spaß

Was wir können, macht uns Freude. Doch vorsätzliches Training ist das Gegenteil. Immer wieder mit dem Pferd die gleiche Übung zu wiederholen ist mit der Zeit langweilig und mühsam. Für Pferd und Reiter. Nach jeder Übung mit Feedback oder Selbstanalyse die neuen Schwachstellen zu finden und zu üben, macht keinen Spaß. Doch wenn wir den Sinn dahinter verstehen, kann uns das enorm anspornen. Und wenn sich die Forderung an uns selbst bzw. an das Tier immer wieder erhöht, können wir sogar in Flow kommen.

Und im Büro?

Im Arbeitsumfeld haben wir leider oft kein ideales Übungsfeld, doch Geoff Colvin hatte auch dafür Ansätze parat:

ad 1. Möglichkeiten zum Üben schaffen (Lernakademie), Fehlerkultur einführen

ad 2. Üben durch Wiederholung: Mitarbeiter ermutigen, zum Beispiel in NPOs Vorstandsaufgaben zu übernehmen und damit Führung zu lernen; ihnen schwierige Aufgaben übertragen

ad 3. offene Feedbackrunden nach jedem Projekt einführen; Coaching und Mentoring

ad 4. immer wieder das Aufgabenfeld erweitern, die Bedingungen verändern und die Möglichkeiten zur Entwicklung der Fähigkeiten ausdehnen

ad 5. Mitarbeiter hart arbeiten lassen, aber durch Sinn für Inspiration sorgen (siehe Bloggeschichte Leadertelling, Punkt 5)

Das Einzige, woran es jetzt noch scheitern könnte, ist Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

Alles Liebe,

Nina Karner

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2 Gedanken zu “Fehler zu akzeptieren, reicht nicht – reflektiertes Training hilft

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