Wellenreiter begeistert nicht die Gefahr, der sie sich aussetzen, begeistert sie, sondern ihre Fähigkeiten, diese potenziell gefährlichen Kräfte zu minimieren.

Glück ist kein Spaziergang. Eher eine Welle.

Was ist Glück für Sie? Der ungarisch-amerikanische Professor für Psychologie Mihaly Csikszentmihalyi* war dieser Frage bereits vor Jahrzehnten auf der Spur. Er hat erkannt, dass in den Antworten seiner Befragung von über 8.000 Menschen auf der ganzen Welt gewisse Parallelen zu finden waren. Sie beschrieben damit den Zustand des Glücks, den er Flow nannte: Jener Zustand, bei dem man in eine Tätigkeit so vertieft ist, dass nichts anderes eine Rolle zu spielen scheint; Denken, Fühlen und Handeln fließen ineinander und münden in eine Welle des absoluten Glücks. Diese Erfahrung an sich ist so wohltuend, dass man sie selbst für einen hohen Preis – wie körperliche oder geistige Höchstleistung – wieder erleben will. Ohne irgendeine Motivation. Und genau dieser Flow kompensiert den »Spaß« des reflektierenden Trainings fehlt, wie ich in meiner vorangegangenen Bloggeschichte beschrieben habe.

Glücklich bin ich, wenn…

Der Autor befragte Frauen und Männer jeden Alters von unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Rasse und gesellschaftlichem Stand. Alle nannten mindestens eine der folgenden acht Kriterien, die erfüllt sein müssen, um in diesen Zustand der optimalen Erfahrung zu gelangen:

1. Wir müssen der Aufgabe gewachsen sein, sie darf uns weder über- noch unterfordern.

2. Wir müssen uns auf das, was wir tun, konzentrieren können.

3. Wir können uns nur konzentrieren, wenn die Aufgabe Ziele umfasst…

4. … und unmittelbare Rückmeldung gibt.

5. Das Handeln erfolgt in einer tiefen und mühelosen Hingabe, welche die Sorgen und Frustrationen des Alltags aus dem Bewusstsein verdrängt.

6. Erfreuliche Erfahrungen empfinden wir, wenn wir ein Gefühl von Kontrolle über Tätigkeiten haben.

7. Die Sorgen um das Selbst verschwinden, doch das Selbstgefühl geht aus Flow-Erfahrungen gestärkt daraus hervor.

8. Das Gefühl für Zeitabläufe verändert sich.

1. Wir müssen der Aufgabe gewachsen sein, sie darf uns weder über- noch unterfordern.

Hauptsächlich erleben wir bei Aktivitäten Glück, die zielgerichtet und durch Regeln gebunden sind, für die wir psychische Energie einsetzen und entsprechende Fähigkeiten haben müssen. Wir empfinden es als Herausforderung, wenn unsere Fähigkeiten dazu benötigt werden. Überfordern uns die Anforderungen der Aufgaben, kommen wir in die Angst. Unterfordern sie uns, langweilen wir uns. Wettkampfsituationen sind eine einfache Möglichkeit, Herausforderungen zu erleben. Aktivität ist aber nicht zwingend gleichzusetzen mit physischer Handlung. Beispielsweise zählt Lesen zu den Handlungen, die im Flow münden können: Um in eine Geschichte einzutauchen müssen wir uns konzentrieren und aufmerksam sein, wir haben ein Ziel und müssen den Regeln der Schriftsprache folgen. Wir müssen lesen, Worte in Bilder übertragen, uns mit erfundenen Personen identifizieren, Zusammenhänge erkennen erfassen und Handlungsstränge vorhersehen können.

2. Wir müssen uns auf das, was wir tun, konzentrieren können.

Unser Handeln und Bewusstsein müssen zusammenfließen. Nur wenn wir alle wichtigen Fähigkeiten brauchen, um die Herausforderungen einer Situation zu bewältigen, ist unsere Aufmerksamkeit vollständig auf der Aktivität fokussiert. Es bleibt keine überschüssige Energie, um andere Informationen zu verarbeiten. Spitzensportler beschreiben diesen Zustand, wenn sie besondere Leistungen erbringen: Die Energie fließt, die Aktivität fühlt sich scheinbar angenehm mühelos an, die Umwelt tritt in den Hintergrund. Doch Flow-Erfahrungen erscheinen nur mühelos: In Wahrheit treten sie während höchster körperlicher Anstrengung oder enorm disziplinierter geistiger Aktivität auf. Doch sobald die Konzentration nachlässt, erlischt dieses Gefühl der Versunkenheit. Das ist auch der Grund, warum Kinder empört reagieren, wenn wir sie aus ihrem Spiel reißen. (Maria Montessori beschrieb das einst ganz ähnlich).

3. + 4. Konzentration ist nur möglich, wenn die Aufgabe konkrete Ziele umfasst und unmittelbare Rückmeldung liefert.

Meist ist die Vertiefung in eine Flow-Erfahrung nur möglich, wenn die Ziele eindeutig sind und die Rückmeldung umgehend folgt. Die Beachvolleyballer in Rio wissen, ob sie den Ball blocken oder baggern müssen. Innerhalb von Sekunden sehen sie, ob sie es gut gemacht haben. Wenn Aktivitäten uns weder Ziele noch Rückmeldungen liefern, können wir sie uns selbst setzen, wenn wir Glück in unserem Tun empfinden wollen.

5. Das Handeln erfolgt in einer tiefen und mühelosen Hingabe, welche die Sorgen und Frustrationen des Alltags aus dem Bewusstsein verdrängt.

Wenn wir im Flow sind, vergessen wir alle unangenehmen Aspekte des Lebens. Wir nehmen nicht mehr wahr, was um uns herum passiert. Die Erklärung ist einfach: Da wir nur eine begrenzte Anzahl von Informationen (zirka 126 Bit/Sekunde) in unserem Gehirn verarbeiten können, müssen in Momenten der absoluten Konzentration alle beunruhigende Gedanken, die uns ablenken würden, ausgeblendet werden. Je weniger Sorgen und Ängste uns beschäftigen, umso leichter können wir also in den Zustand der optimalen Erfahrung eintauchen.

6. Erfreuliche Erfahrungen empfinden wir, wenn wir ein Gefühl von Kontrolle über Tätigkeiten haben.

Flow-Erfahrungen werden oft mit einem Gefühl von Kontrolle von Alltagssituationen verknüpft. Dabei geht es eher um die Möglichkeit der Kontrolle denn um die Kontrolle selbst. Denn die Außenwelt bleibt auch während unseres Zustandes des Flows, wie sie ist. Doch dem Prinzip nach herrscht im Zustand des Flows absolute Perfektion. Somit können wir nachvollziehen, was zum Beispiel Wellenreiter antreibt: Nicht die Gefahr, der sie sich aussetzen, begeistert sie, sondern ihre Fähigkeiten, diese potenziell gefährlichen Kräfte zu minimieren.

7. Die Sorgen um das Selbst verschwinden, doch das Selbstgefühl geht aus Flow-Erfahrungen gestärkt daraus hervor.

Wenn wir uns durch unsere Umwelt bedroht fühlen, rufen wir uns unser Selbstbild ins Gedächtnis, um die Gefährdung einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Diese Beschäftigung mit unserem Selbst wendet Bedrohungen ab und stellt Ordnung her. Doch es verbraucht Energie. Im Zustand des Flows hat man jedoch Energie frei für Selbsterforschung, weil wir gefordert sind, uns Bestes zu geben und alle unsere Fähigkeiten einzusetzen. Sobald wir aus der Flow-Erfahrung auftauchen, ist unser Selbst größer als zuvor, weil wir Fähigkeiten und Leistungen verbessert haben.

8. Das Gefühl für Zeitabläufe verändert sich.

Die objektive Dauer wird durch die von der Aktivität diktierten Regelmäßigkeiten bedeutungslos. Die Zeit verläuft wie in Zeitlupe bei Aktivitäten, in denen Zeit eine große Rolle spielt, zum Beispiel bei Sprintern. Oder sie spielt gar keine Rolle, wie im kindlichen Spiel.

Doch warum sollen wir Flow wollen?

Im Zustand des Flows können wir außergewöhnliche Leistungen erbringen. Doch dieser Zustand der optimalen Erfahrung tritt nur ein, wenn die Aufgabe selbst die Belohnung ist. Nicht, weil wir dafür Geld oder Ruhm ernten, sondern weil wir von innen dazu angetrieben werden. Mihaly Csikszentmihalyi nennt das eine autotelische Erfahrung – von »autos« für Selbst und »telos« für Ziel (griechisch). Das bedeutet aber nicht, dass wir ausschließlich mit selbst gewählten Aufgaben in Flow kommen können. Wir können das mit jeder Tätigkeit und Arbeit schaffen – aber nur, wenn die Kriterien zum Erreichen des Flows erfüllt sind.

Daher kommt – meiner Meinung – auch der Gedanke des bedingungslosen Grundeinkommens: Wenn Menschen die finanziellen Sorgen, von denen man mittlerweile weiß, dass sie zu den gesundheitsgefährdensten Stressfaktoren unserer Zeit zählen, genommen werden, können sie sich konzentrieren und werden nicht von Sorgen oder Ängsten abgelenkt. Wobei, wie oben angeführt, mehrere Kriterien erfüllt sein müssen, um in Flow zu kommen.

Wann habt ihr schon einmal Flow erlebt? Ich freue mich über eure Geschichten…

*In dieser Bloggeschichte beziehe ich mich auf die Erkenntnisse seines Buches: Flow. Das Geheimnis des Glücks.

Wer Kindern das Gefühl für Flow beschreiben will, dem empfehle ich das Buch: Flo W. voll im Flow von Manuela Eitler-Sedlak

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