Bist du ein Baum oder ein Landstreicher?

Bist du ein Baum oder ein Landstreicher?

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Wie gut verstehen wir einander wirklich? Wenn wir eine Situation noch nie erlebt haben, wahrscheinlich gar nicht. Und ich glaube, dass dadurch viele Vorurteile entstehen. Die Geschichte, dass Oprah Winfrey in einer Luxusboutique in Paris eine Tasche nicht verkauft wurde, weil die Mitarbeiterin beschloss, dass die Kundin sich die Tasche sicher nicht leisten konnte, ist bekannt. Das ist mit Sicherheit eine große Geschichte. Doch im beruflichen Alltag erleben wir oft ähnliche Situationen. Allein der Gedanke: »Mein Angebot wird er oder sie bestimmt nicht benötigen«, kann uns schon eine Geschäftschance verbauen, weil wir diesen Menschen anders behandeln, andere Worte wählen. Und dasselbe gilt für Mitarbeiter oder Teamkollegen. Wenn wir ihre Situation durch zuhören wenigstens annähernd verstehen, können wir ihre Reaktionen auch besser einschätzen. Was das ganze Team erfolgreicher macht…

Genau aus diesem Grund sind auch Rehabilitationszentren so wichtig. Dort kommen Menschen zusammen, die ähnliche Schicksale erlebt haben und sich über Ihre Gefühle und Erlebnisse austauschen können. Und genau deshalb sollten Städteplaner auch Rollstuhlfahrer fragen, bevor Sie Gehsteigkanten bei Zebrastreifen planen. Oder Mütter mit Kinderwagen… Deshalb sollten Architekten, die Theater planen und selbst noch nie hinter einer Bühne waren, Künstler und Theaterregisseure fragen, was sie benötigen. Deshalb sollten wir uns auch manchmal fragen, warum wir in einer Situation komische Reaktionen hervorgerufen haben. Es ist kein Fauxpas, wenn wir die Situation eines anderen nicht kennen – nur sollten wir uns die Zeit nehmen, zuzuhören und dessen Sicht zu verstehen versuchen. Ohne damit jedes Verhalten zu entschuldigen.

Zum Thema Einfühlsamkeit hat mir kürzlich jemand einen Text nach Gina Ruck-Pauquèt in die Hand gedrückt:

»Da stehst du nun«, sagt der Landstreicher zum Baum. »Du bist zwar groß und stark, aber was hast Du schon vom Leben? Kommst nirgendwo hin. Du kennst den Fluss nicht und nicht die Dörfer hinter dem Berg. Immer an derselben Stelle! Du kannst einem leidtun!« Er packt sein Bündel fester und geht los.

»Da gehst du nun«, ruft ihm der Baum nach. »Immer bist du unterwegs. Hast keinen Platz, an den du gehörst. Du kannst einem leidtun!« Der Landstreicher bleibt stehen.

»Warum? Ich geh in die Welt. Tag für Tag sehe und erlebe ich viel.«

»Zu mir kommt die Welt«, erwidert der Baum. »Der Wind und der Regen, die Eichhörnchen und die Vögel. Und in der Nacht setzt sich der Mond auf meine Zweige.«

»Ja, ja«, sagt der Landstreicher, »aber das Gefühl zu gehen – Schritt für Schritt – ist unbeschreiblich.«

»Mag schon sein«, sagte der Baum, »aber das Gefühl zu bleiben – fest verwurzelt – ist wundervoll.«

»Bleiben«, sagte der Landstreicher nach einer Weile nachdenklich. »Zuhause sein. Ach ja.«

Und der Baum seufzte: »Gehen, unterwegs sein können, langsam oder schnell – ach ja! Wenn wir tauschen könnten«, sagt der Baum. »Für eine Weile.«

»Ja«, antwortete der Landstreicher, »das wäre schön.«

»Lass uns Freunde sein«, meint der Baum.

Der Landstreicher nicht. »Ich werde wiederkommen«, verspricht er, »und ich werde dir dann vom Gehen erzählen.«

»Und ich«, antwortet voller Freude der Baum, »erzähle dir dann wieder vom Bleiben.«

Manchmal können wir ja sogar sagen, dass wir das auch schon erlebt haben: »Ich verstehe dich.« Wie wir es auch oft bei unseren Kindern tun. Doch so, wie die Zeiten heute sind, waren sie damals nicht. Können wir also wirklich wissen, wie es ihnen geht? Mit der ganzen digitalen Welt, den sozialen Medien und den immer noch gleich bleibenden starren Strukturen? Ich weiß es nicht.

Wovon ich überzeugt bin: dass Empathie uns in jedem Fall hilft. Dann können wir mal die Sichtweisen eines Baumes und mal die Sichtweisen eines Landstreichers nutzen.

Alles Liebe,

Nina